Gemeinsam selbstbestimmt leben und studieren

Ein rollstuhlgerechter Campus ist nur ein Bereich der Inklusion an der Hochschule Bremerhaven.
Ein rollstuhlgerechter Campus ist nur ein Bereich der Inklusion an der Hochschule Bremerhaven.
Quelle: Hochschule Bremerhaven

Deutscher Diversity Tag an der Hochschule Bremerhaven thematisiert inklusives Studieren

Inklusion- so selbstverständlich wie eine Matrikelnummer. Damit Studierenden mit Beeinträchtigung keine Nachteile während des Studiums entstehen, ist Barrierefreiheit ein wichtiges Thema an deutschen Hochschulen. Beim diesjährigen Deutschen Diversity Tag an der Hochschule Bremerhaven hat die Servicestelle Chancengerechtigkeit daher Inklusion in den Fokus gerückt. In einer öffentlichen digitalen Gesprächsrunde diskutierten Stadtrat Uwe Parpart, Prof. Dr. Dr. h.c. Alexis Papathanassis, Rektor der Hochschule Bremerhaven, Claudia Krieten, Beauftragte für Inklusives Studieren, Schwerbehindertenvertreter Dipl.-Inf. (FH) Dirk Hagelstein sowie die Informatikstudenten Johann Hoffer und Jan Löwenstrom über inklusives Lernen. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Leiterin der Servicestelle Chancengerechtigkeit, Gudrun Zimmermann.

„Wenn wir die Vision einer Open University leben wollen, so ist Diversität ein wichtiges Thema. Wir können uns nicht öffnen, wenn wir Menschen ausschließen. Inklusion ist für uns dabei ein wichtiges Thema, nicht einfach nur ein Nice-to-have“, sagt Prof. Papathanassis. In diesem Sinne sei es auch völlig normal, bestehende Barrieren aus dem Weg zu schaffen. „Wir haben an der Hochschule Bremerhaven viele Initiativen und Projekte, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigen. Inklusion ist nicht nur eine Frage der Infrastruktur, sondern auch eine Grundeinstellung; eine Organisationskultur.  Bei der Inklusion geht es nicht nur darum, zu ermöglichen, sondern auch zu ermutigen und willkommen zu heißen.  Es kommt auf jeden kleinen Schritt an. Barrierefreiheit ist ein Synonym für Innovation und Fortschritt, von dem wir alle profitieren, und Inklusion trägt zu unserem Wettbewerbserfolg als Hochschule bei.“

Dass diese offene Haltung gegenüber Inklusion an der Hochschule nicht neu ist, weiß Dipl.-Ing. Dirk Hagelstein. Er hat bereits während des Informatikstudiums in Bremerhaven positive Erfahrungen gemacht: „Zu Beginn meines Studiums sollten viele meiner Lehrveranstaltungen in einem Gebäude ohne Fahrstuhl stattfinden. Schon nach einer Woche waren alle meine Vorlesungen ins Erdgeschoss verlegt worden, obwohl ich das nicht angesprochen hatte. Das hat mir gezeigt, dass hier ein Klima der Offenheit herrscht.“ Seit seinem Studienabschluss arbeitet Hagelstein als wissenschaftlich-technischer Angestellter im Labor für Elektronisches Lernen und Virtuelle Welten und ist als Schwerbehindertenvertreter ein wichtiger Ansprechpartner an der Hochschule. Auch in dieser Funktion ist er erfreut über die offene Haltung gegenüber Inklusion. „Natürlich stößt man immer wieder auf Barrieren, zum Beispiel auf Türen, die sich nicht automatisch öffnen. Wenn man diese Probleme anspricht, wird aber sofort nach einer Lösung gesucht.“ So wurden in den vergangenen Jahren nicht nur automatisierte Türen eingebaut, sondern u.a. auch barrierefreie Wege angelegt und rollstuhlgerechte Toiletten und Fahrstühle installiert.

Ähnliche Erfahrungen macht auch Informatikstudent Johann Hoffer. „Die Hochschule ist eigentlich schon sehr barrierefrei. Zum Beispiel gibt es in einigen Hörsälen sehr gute Sitzplätze für Rollstuhlfahrerinnen und –fahrer“, erklärt er. Körperliche Beeinträchtigungen werden als Normalität wahrgenommen, so sein Eindruck. Sein Kommilitone und persönlicher Assistent Jan Löwenstrom kann dies bestätigen: „Inklusion ist auf jeden Fall bereits in den Köpfen angekommen. Wenn beispielsweise Lehrveranstaltungen in Räumen stattfinden, die nicht gut für Rollstühle geeignet sind, werden diese einfach verlegt.“ Auch der Nachteilsausgleich sei kein Problem. „Ich muss nur kurz meine Bedarfe schildern, zum Beispiel, dass ich meinen Laptop statt Papier und Stift nutzen muss oder eine andere Prüfungsform als eigentlich angeboten oder eine Zeitverlängerung benötige. Das war bisher immer ganz unkompliziert“, so Hoffer.

Obwohl die Hochschule sich bereits stark für die Inklusion engagiert, sieht Claudia Krieten noch weiteren Handlungsbedarf: „Meines Erachtens fehlt zum Teil noch die klare Wahrnehmung der einzelnen Beeinträchtigungen, speziell, wenn diese nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Da wünsche ich mir noch mehr Umdenken in den Köpfen.“ Dafür engagiert sie sich in ihrer Funktion als Beauftragte für inklusives Studieren in der AG Barrierefreiheit. „Wir arbeiten alle intensiv daran, dass Inklusion an der Hochschule vollkommen selbstverständlich wird“, ergänzt Gudrun Zimmermann.

Doch nicht nur die Hochschule hat sich Inklusion und Barrierefreiheit zum wichtigen Ziel gemacht. Auch die Stadt Bremerhaven hat gemeinsam mit behinderten Menschen einen Teilhabeplan entwickelt, der seit 2014 schrittweise umgesetzt wird – mit Erfolg. „Bremerhaven ist nicht nur die erste deutsche Stadt, die als barrierefrei geprüft und zertifiziert wurde, sondern hat im vergangenen Jahr auch noch den zweiten Platz beim European Access City Award belegt“, berichtet Stadtrat Uwe Parpart. Damit konnte sich die Seestadt gegen 50 europäische Wettbewerber behaupten. Auch wurde ein spezieller kostenloser touristischer Stadtplan entwickelt, der die Lage und Erreichbarkeit aller Attraktionen und Locations bis in kleine Details zeigt. Bei diesen Bestrebungen gehe es aber nicht darum, die Stadt ausschließlich für Touristinnen und Touristen attraktiver zu machen. „Wenn wir die Stadt für den Tourismus barrierefrei gestalten, tun wir dies automatisch auch für unsere Mitbürgerinnen und –bürger. Alle profitieren davon“, ergänzt Parpart. Die Zusammenarbeit mit der Hochschule soll seitens des Amtes für Menschen mit Behinderungen intensiviert werden. Darüber hinaus regte Uwe Parpart an, über gemeinsame Wohnformen von Menschen mit Behinderungen und Studierende nachzudenken.

Mit der Unterzeichnung der Charta der Vielfalt hat die Hochschule bereits 2013 ein Zeichen gesetzt und sich öffentlich verpflichtet, Vielfalt unter den Hochschulangehörigen zu fördern. Unter dem Motto „Alle an Bord“ setzt sich die Servicestelle Chancengerechtigkeit dafür ein, dass Studierende und Mitarbeitende unabhängig von ihren Lebenslagen und sozialen Hintergründen chancengerechte Zugänge und Teilhabe an der Hochschule erfahren. Eine Vielzahl an Beratungs- und Unterstützungsangeboten steht bei Barrieren und Problemen zur Seite. Im vergangenen Jahr wurde darüber hinaus ein Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention an der HS erarbeitet, an dessen Umsetzung jetzt intensiv gearbeitet wird. Dieser leistet einen wichtigen Beitrag zur Inklusion behinderter Menschen an der Hochschule.

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