„Sprache ist der Schlüssel, um dabei zu sein!“

Sprachvielfalt wird an der Hochschule auch durch Sprachkurse gefördert.
Sprachvielfalt wird an der Hochschule auch durch Sprachkurse gefördert.
Quelle: Antje Schimanke

Zuwanderungsgeschichten aus der Hochschule bei „Bunt am Meer“

Vor 60 Jahren wurden Arbeiterinnen und Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen. Anlässlich des Jubiläums hat das Referat für Integrationspolitik bei der Senatorin für Soziales, Jugend, Integration und Sport die diesjährige Bremer und Bremerhavener Integrationswoche den „Gastarbeiter:innen“ gewidmet. An der Hochschule Bremerhaven kamen bei „Bunt am Meer“ Hochschulangehörige und Alumni zu Wort. Erzählt wurden Familiengeschichten von der Ankunft und dem Leben in Deutschland aus Sicht von Zuwander:innen. Rektor Prof. Dr. Dr. h.c. Alexis Papathanassis, Claudia Krieten, Mitarbeiterin im Diversity Management der Hochschule Bremerhaven und ihre Mutter, der ehemalige Student João Paulo Fernandes, der Alumni und ehrenamtliche Stadtrat Selcuk Caloglu sowie die Studentin Ingrid Francine Djieya-Nkengni berichteten von ihren Eindrücken, der eigenen Identität und der besonderen Bedeutung von Sprache. Moderiert wurde die Veranstaltung von Gudrun Zimmermann, Leiterin der Servicestelle Chancengerechtigkeit, und Rebecca Rachow, Mitarbeiterin im International Office.

Rund 40 Nationen sind bei den Hochschulangehörigen vertreten. Eine davon ist Griechenland. Von dort ist Rektor Prof. Dr. Dr. h.c. Alexis Papathanassis aus beruflichen Gründen im Alter von 24 Jahren nach Deutschland gekommen – nur mit einem Koffer, wie er selbst erzählte. Bis er sich tatsächlich heimisch fühlte, dauerte es einige Zeit. „Ich habe mich immer eher wie ein Tourist gefühlt. Bei meinen wöchentlichen Dienstreisen wurde ich jedes Mal kontrolliert. Und obwohl die Beamt:innen mich inzwischen kannten, wurde immer wieder die Frage nach dem Zweck meines Besuchs in Deutschland gestellt. Meine Antwort war immer: Urlaub. Doch ich war nicht zu Besuch.  Ich kehrte von einer Reise nach Hause zurück.  Ich habe mich oft gefragt, wann der Zeitpunkt kommen wird, an dem meine Herkunft weniger wichtig wird als meine Ankunft. Vielleicht sind wir alle Touristen auf dieser Erde“, so Prof. Papathanassis. Abgeschreckt hat ihn dies aber nicht, ebenso wenig wie die Tatsache, dass er für seinen damaligen Arbeitgeber innerhalb von drei Monaten Deutsch lernen sollte. Ihm war immer wichtig, dass er nicht nur toleriert wird, sondern wirklich willkommen ist. „Da habe ich wirklich viel Glück gehabt. Von den Menschen, mit denen ich zu tun hatte, wurde ich sehr gut aufgenommen.“

Gut aufgenommen fühlte sich auch Benedicta Krieten. Die Mutter von Hochschulmitarbeiterin Claudia Krieten ist in den frühen 60er Jahren aus Spanien eingewandert. In Bremerhaven fühlte sie sich sofort heimisch. Eine Rückkehr nach Spanien? Ausgeschlossen! Nur für Familienbesuche reiste sie gemeinsam mit ihrer Tochter in ihr Heimatland. Claudia Krieten arbeitet als Mitarbeiterin im Diversity Management. Dass ihre Familie eine Zuwanderungsgeschichte hat, wissen kaum Kolleg:innen. Einfluss auf ihre Berufswahl hatte diese aber dennoch. „Mir war wichtig, dass ich in meinem Beruf Menschen unterstützen kann. Daher habe ich u.a. im Sozialamt gearbeitet. An der Hochschule kümmere ich mich darum, dass die Vielfalt unter den Hochschulangehörigen sichtbar gemacht, gefördert und anerkannt wird“, so Krieten. Daher setzt sie sich u.a. als Beauftragte für inklusives Lernen für den Abbau von Barrieren für Studierende mit Beeinträchtigung ein.

Eine besondere Bedeutung für die eigene Biografie hat die Hochschule Bremerhaven für João Paulo Fernandes. Seine Mutter ist aus Portugal nach Deutschland gekommen. Er wuchs eng verwurzelt mit der portugiesischen Kultur auf, besuchte portugiesischen Sprachunterricht und war in einer portugiesischen Folkloregruppe. „Ich habe mich immer als Portugiese gefühlt und wurde auch so wahrgenommen“, sagte er. Die Hochschule sei für ihn wie ein Tor zur Welt gewesen. „Während meines Studiums habe ich ein Praktikum in Mexiko gemacht. Dort war ich für die Mexikaner plötzlich Deutscher. Der Umgang und die Geschlossenheit mit den anderen deutschen Praktikant*innen mit und ohne Migrationshintergrund hat mir eine neue Perspektive aufs Deutschsein ermöglicht. Man könnte sagen, dass ich meine Zugehörigkeit zu Deutschland in Mexiko entdeckt habe.“

Selcuk Caloglu hat, wie João Paulo Fernandes, an der Hochschule Bremerhaven Betriebswirtschaftslehre studiert. Seine Großeltern waren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Bremerhaven gekommen. Anders als bei Fernandes spielte die Kultur des Heimatlandes seiner Familie eine eher untergeordnete Rolle. Seiner Mutter war sehr wichtig, dass er schnell Deutsch lernt. „Dadurch hatte ich schlechtere Türkischkenntnisse als die anderen Türken in meinem Umfeld“, berichtete er lachend. Sein Hintergrund habe eigentlich nie eine große Rolle gespielt – weder für sein Umfeld noch für seine eigene Identität. „Wir sind einfach ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft, so wie alle anderen auch.“

Eine aktuelle Studentinnensicht lieferte Ingrid Francine Djieya-Nkengni. Sie ist aus Kamerun zugewandert und studiert Wirtschaftsinformatik.  „Ich fühle mich in Bremerhaven und an der Hochschule wie in einer Familie“, berichtete sie. Wünschen würde sie sich mehr internationale Veranstaltungen, bei denen sie sich mit anderen Zugewanderten austauschen kann. „Und eine Stadtführung wäre toll gewesen, bei der wir nicht nur die touristischen Ziele sehen, sondern auch andere wichtige Einrichtungen wie das Bürgerbüro.“

So vielfältig die Familiengeschichten auch sind – in einem sind sich alle einig: Sprache ist der Schlüssel, um in der Gesellschaft dabei zu sein. „Nur wenige Deutsche haben eine solche Sprachvielfalt wie die Zugewanderten. Und trotzdem werden sie leider nur daran gemessen, wie gut sie Deutsch können“, sagte Gudrun Zimmermann. Damit sie sich schnell verständigen können, sind sie auf Unterstützung angewiesen. „Als meine Mutter als Kind in Deutschland ankam, konnte sie sich nicht artikulieren. In der Schule hatte sie viel Unterstützung durch die Lehrkräfte. Eine Lehrerin gab ihr ein Heft, mit dem sie unterrichtsbegleitend Deutsch lernen konnte. Innerhalb eines Jahres konnte sie dann fließend sprechen“, berichtete Fernandes Das Heft habe sie als Erinnerung aufgehoben. Auch Djieya-Nkengni hat die Sprache innerhalb kurzer Zeit gelernt. „Der Deutschkurs ist aber etwas anderes als die Anwendung im Alltag. Und es gibt so viele kulturelle Unterschiede, die man auch noch lernen muss.“ Diese wirken auch teilweise ins Studium hinein und beschäftigen die Lehrenden der Hochschule. Ein Beispiel schilderte Dipl.-Ing. Kirsten Buchecker, die im Studiengang Lebensmitteltechnologie lehrt: „In einer Klausur habe ich eine Frage zu Fischstäbchen und Kindheitserinnerungen gestellt. Zwei Studierende, die aus dem asiatischen Raum kamen, waren von der Frage irritiert. Bei ihnen isst man so etwas nicht. Ich bin sicher, dass es noch weitere Beispiele dafür gäbe. Wir müssen uns damit beschäftigen, wie man interkulturell sensible Klausurfragen stellt.“ Auf diese Weise könnten kulturbedingte Hürden für die Studierenden abgebaut werden.

Unter dem Motto: „Alle an Bord“ setzt sich die Servicestelle Chancengerechtigkeit dafür ein, dass Studierende und Hochschulangehörige unabhängig von ihren Lebenslagen und ihren sozialen Hintergründen chancengerechte Zugänge und Teilhabe im Hochschulalltag erfahren. Das International Office ist u.a. die zentrale Anlaufstelle für ausländische Studierende, die entweder ein Austauschsemester oder ein ganzes Studium an der Hochschule Bremerhaven absolvieren möchten. Diese werden bereits vor der Ankunft von den Mitarbeiterinnen unterstützt.

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