Weniger Zucker, aber nicht immer weniger Kalorien

Prof. Dr. Hauke Hilz
Prof. Dr. Hauke Hilz
Quelle: Winnie Schmitz

Forschungsprojekt der Hochschule Bremerhaven zeigt: Bei der Umsetzung der Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie kommt es bisher zu selten zur Reduktion des Energiegehalts

Führt die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie (NRI) tatsächlich zu einer Verringerung des Zucker-, Fett-, Salz- und Energiegehalts in verarbeiteten Lebensmitteln? Mit dieser Frage hat sich Lebensmittelchemiker Prof. Dr. Hauke Hilz im Rahmen des dreijährigen Projekts „Auswirkungen der Nationalen Reduktionsstrategie auf Produkte der Handelsmarken von Lebensmitteleinzelhändlern“ an der Hochschule Bremerhaven beschäftigt. Das Ergebnis: erste Tendenzen sind zu erkennen. Bisher hat sich aber nur bei rund einem Fünftel der untersuchten Produkte etwas an der Zusammensetzung verändert. Um die Ziele der NRI wie vorgesehen bis 2025 zu erreichen, muss noch viel passieren. Vor allem auf das Ziel, den Energiegehalt zu reduzieren, zahlen diese Änderungen dabei kaum ein.

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter ernährungsbedingten Erkrankungen, wie Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Adipositas. Rund 47 Prozent der Frauen und 62 Prozent der Männer sind laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) übergewichtig. Um dem entgegenzuwirken, wurde die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie (NRI) vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft entwickelt. Diese startete 2018 und sieht eine Reduktion des Zucker-, Fett-, Salz und Energiegehalts in verarbeiteten Lebensmitteln vor. Ob dies auch umgesetzt wird, hat Prof. Hilz mit seinem Projektteam untersucht. Vom Frühjahr 2019 bis zum Herbst 2021 wurden insgesamt fast 3.500 Produkte der Handelsmarken aus acht Supermarktketten erfasst. Dabei handelte es sich um Aufstriche, Backwaren, Cerealien, Fertigprodukte, Milcherzeugnisse und Süßwaren. Im Abstand von sechs Monaten wurden der Zucker-, Fett-, Salz- und Energiegehalt der Lebensmittel überprüft. „Wir wollten herausfinden, ob Auswirkungen der NRI auf Produkte führender Lebensmitteleinzelhändler erkennbar sind und die Veränderungen dokumentieren. Dabei stellen die Handelsmarken der großen Einzelhandelsunternehmen den Schwerpunkt der Studie dar, da sie eine deutliche Reduktion im Sinne der NRI angekündigt haben“, sagt Prof. Hilz.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass sich vier Jahre nach Veröffentlichung der Strategie noch wenig an der Zusammensetzung der Produkte geändert hat. Erste Tendenzen zeigen sich aber insbesondere bei Milchprodukten und bei Aufstrichen. Insgesamt konnten die Forschenden bei rund einem Fünftel der Proben eine Veränderung der untersuchten Parameter nachweisen. In rund elf Prozent der Produkte war eine wesentliche Gehaltsabnahme von Zucker, Fett oder Salz erkennbar. Aber in nur knapp vier Prozent davon, nämlich in 125 von 3500 untersuchten Produkten, wurde der Energiegehalt reduziert. „Häufig werden reduzierte Inhaltsstoffe einfach nur durch andere ersetzt. Der Ersatz von Zucker durch andere verdauliche Kohlenhydrate, wie bei vielen Cerealien, führt aber nicht zu einer Energiereduzierung und der Ersatz von Zucker durch Fett kann den Energiegehalt sogar erhöhen. Das zeigen unsere Daten: von 260 Produkten, in denen Zucker reduziert wurde, weisen nur ein etwa Drittel auch weniger Kalorien auf. Zur Bekämpfung von Übergewicht und Adipositas ist eine reduzierte Energieaufnahme jedoch unabdingbar“, so Prof. Hilz. Das Forschungsteam erwartet in diesem Bereich deutliche Veränderungen in den kommenden drei Jahren.

Bis 2025 soll die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie vollständig umgesetzt sein. „Dies könnte ein Grund dafür sein, dass die große Mehrheit der Produkte in dem Erhebungszeitraum von knapp drei Jahren unverändert blieb. Wir konnten aber eine Tendenz zur Nährwertreduktion beobachten. Leider ist dabei aktuell keine einheitliche und konsequente Strategie der Einzelhandelsunternehmen zu erkennen“ so Prof. Hilz. Zur abschließenden Bewertung der Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie sei weiterer Forschungsbedarf notwendig.

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