Ein Wunschbaum zum Weltfrauentag

Haben Sie ihn entdeckt? Zum Weltfrauentag am 8. März wurde ein Wunschbaum neben dem Eingang der Cafeteria in Haus K angebracht. Alle Hochschulangehörigen waren herzlich eingeladen, eigene Wünsche zum Thema „Gleichstellung“ an die Äste des Bäumchens zu hängen. Rebecca Brückner, Mitarbeiterin im Büro für Gleichstellung und Frauenbeauftragte nach LGG, berichtet, was es mit dem Wunschbaum auf sich hat, welche Wünsche ihr besonders aufgefallen sind und welche Veränderungen sie sich bis zum nächsten Weltfrauentag wünscht.

1. Was hat es mit dem Wunschbaum auf sich? Wie funktioniert er?

Wunschbäume gibt es in allen Erdteilen, oft an Kultstätten, wie heiligen Quellen, Flüssen oder Gebirgspässen. Menschen nutzen seine vermeintlich übernatürlichen Kräfte, um einen Wunsch auf ein Stück Stoff zu schreiben und ihn an einen Ast zu hängen, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht. Dies war auch unsere Grundidee. Der Wunschbaum zum Weltfrauentag 2022 war eine hochschulweite Mitmachaktion, organisiert vom Büro für Gleichstellung, welches eine Einrichtung der Zentralen Kommission für Frauenfragen (ZKfF) ist. Alle Kolleg:innen wurden eingeladen sich zu überlegen, was sie sich wünschen, um Gleichstellung bzw. Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Diese Wünsche durften sie auf Blätter-Symbole (und andere Symbole) schreiben und an einen Baum aus Tonpapier heften, der zu diesem Zweck an einer Wand in Haus K angebracht war. Ob unser Wunschbaum tatsächlich übernatürliche Kräfte hat, werden wir daran sehen, ob unsere Wünsche demnächst in Erfüllung gehen. ;-)

2. Welche Wünsche sind denn Dir besonders aufgefallen (positiv und negativ)?

Sehr gefallen hat mir der kunterbunte Strauß an Themen: Aus aktuellem Anlass gab es viele Friedenswünsche – für mich unerwartet, aber absolut passend, denn die Friedensbewegung ging in der Geschichte ja tatsächlich Hand in Hand mit den Frauenbewegungen (wie auch mit der Männerbewegung, die sogar ihren Ursprung im Protest gegen den Vietnamkrieg hat). Auch angesprochen wurden die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum und die schlechteren Bedingungen von Frauen beim Broterwerb, etwa durch Lohnungerechtigkeit und Benachteiligung in Bewerbungsprozessen. Diese Themen sind „Klassiker“ – vom 19. Jh. über die westdeutsche zweite Frauenbewegung der 1970er Jahre bis heute (leider!).

Neuere My-Body-My-Business-Themen wiederum bezogen sich auf die soziale Akzeptanz von Körperbehaarung und auf das Bewusstsein, dass knappe Kleidung nicht das Recht der jeweiligen Person auf sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit aufhebt. Diese Wünsche sind eingebettet in unsere heutigen Frauen- und Genderbewegungen, die im Gegensatz zu früheren Frauenbewegungen oft keine klar messbaren Ziele formulieren (Frauenwahlrecht, Lohngleichheit, Öffnung aller Berufsgruppen für Frauen usw.), sondern vielmehr allgemeine, sozio-kulturelle Gleichbehandlung und Wertschätzung fordern. Das spiegelte sich auch in vielen Formulierungen an unserem Wunschbaum, die betonten, dass Gleichstellung ganz schlicht und einfach mit „Wertschätzung“, „Respekt“ und der „Würde des Menschen“ zu tun habe. Schön fand ich auch persönliche Danksagungen wie „Meine Frau ist die Beste“ oder Aufrufe wie „Kein Sex für Sexisten“.

3. Was soll sich bis zum nächsten Weltfrauentag 2023 ändern im Vergleich zu heute?

In unserer heutigen Zeit, Anfang der 2020er, ist es naheliegend, einen kurzfristigen Gleichstellungswunsch mit unseren Erfahrungen aus der Corona-Pandemie zu verbinden. Ein Aspekt, der mir da sofort einfällt, ist der sogenannte „Pink-Collar-Sektor“: Eine der Hauptursachen für Lohngefälle in Deutschland (zumindest für das unbereinigte) ist die niedrige Bezahlung von weiblich konnotierten Branchen. Das betrifft v.a. die medizinische Pflege, soziale Berufe, den Service im Einzelhandel, aber auch Teile der (öffentlichen) Verwaltung. Gerade diese Arbeitnehmer:innen haben aber trotz Pandemie weitergearbeitet – weil es nämlich plötzlich den gesellschaftlichen Konsens gab, dass diese Branchen „systemrelevant“ seien, und zwar im Gegensatz zu vielen männlich konnotierten Branchen. Ich hoffe, dass diese kulturelle Aufwertung sich bis zum nächsten Weltfrauentag 2023 auch in finanzieller Hinsicht niederschlägt.

Wünschenswert fände ich in diesem Kontext auch (wieder einmal), dass noch mehr Väter als aktuell ihre Vaterrolle ernst nehmen, wie auch die Solidarität zur Kindsmutter. Als die Betreuungsmöglichkeiten ausgefallen sind, haben ja sehr viele deutsche Väter sehr schnell und sehr gern ihre Väterrechte über Bord geworfen, um sich auf ihre Erwerbsarbeit konzentrieren zu können. Begründen tun sie das klassischerweise oft mit dem Familieneinkommen: „Ich verdiene ja nun mal mehr Geld als die Mama (dank des Gender Pay Gaps und weil Männer häufiger als Frauen in der Privatwirtschaft tätig sind anstatt beim Staat, allerdings dadurch logischerweise auch in instabileren Beschäftigungsverhältnissen stecken). Deshalb ist es ja einfach rational, dass ich hier derjenige bin, der mehr arbeitet.“ Was hierbei immer (bewusst?) verschwiegen wird, ist natürlich, dass die Kindsmutter nicht nur aktuell weniger Geld in der Tasche hat, sondern auch weniger in ihre Rentenkasse einzahlen kann. Kein Wunder, dass Altersarmut in Deutschland v.a. weiblich ist. Wenn es ein Eigenheim gibt, wird sie dies wahrscheinlich ohnehin verlassen müssen, weil sie die Instandhaltung ohne ihren verstorbenen (oder geschiedenen) Ehemann nicht finanzieren kann. Außerdem schockiert es mich immer wieder, dass der hohe Lebensstandard einer Familie ganz selbstverständlich als Gegenargument dafür gilt, dass ein Kind etwas von seinem Vater haben sollte. Vielleicht reicht ja doch ein kleineres Eigenheim und dafür eine Familie mit starken emotionalen Bindungen? Wäre das nicht rational? Ganz abgesehen von der volkswirtschaftlichen Perspektive: Es kommt uns allen zugute, wenn weniger Frauen als aktuell im Alter zur Tafel gehen und von sozialen Zuschüssen leben müssen.  

 

Derzeit wird ein Platz gesucht, an dem der Wunschbaum ausgestellt und vielleicht sogar mit weiteren Wünschen bestückt werden kann. Ideen dazu sind herzlich willkommen.