Mit den Vorurteilen gegenüber Studierenden aufräumen

Interview - Studierende am Limit

Studierende haben ein entspanntes Leben und machen immer nur Party? Mit Vorurteilen wie diesen wollen 16 Studierende des Bachelorstudiengangs Digitale Medienproduktion (DMP) aufräumen. Sie haben den Dokumentarfilm "24/7 Studierende am Limit" produziert, um zu verdeutlichen, dass die Belastung vieler Studierender im Studium auf keinen Fall unterschätzt werden darf. Chiara Noemi Müller und Lennart Kistner- Bahr studieren DMP im vierten Semester und gehören zum Produktionsteam des Dokumentarfilms. Wie sie auf die Idee gekommen sind, warum das Thema so wichtig ist und wie so ein Projekt im Bachelorstudiengang DMP abläuft, erzählen sie im Interview.

Lennart Kistner-Bahr und Chiara Noemi Müller
Foto: Chiara Noemi Müller

Hochschule Bremerhaven: Wie seid ihr auf die Idee gekommen über das Thema Studierende am Limit zu berichten?

Chiara: Wir haben alle das Modul Medienprojekt - Filmproduktion gewählt. Da stand schon relativ schnell fest, dass wir einen Dokumentarfilm drehen wollen. Wir haben überlegt, welches Thema uns aktuell beschäftigt und dann sind wir auf das Thema Studierende im Stress gekommen. In dieser Situation konnten wir uns alle irgendwo wiederfinden. Dazu kommt auch die aktuelle Situation, die es uns noch schwerer macht.

Lennart: Man muss auch dazu sagen, dass es für uns super viele Hindernisse gab. Wir durften uns nicht treffen und Corona hat die Produktion erschwert. Dieses Thema hat sich auch deshalb angeboten. Das war auch noch ein Aspekt, den wir berücksichtigt haben. Zudem war es aber auch das spannendste Thema.

Hochschule Bremerhaven: Wie frei ist man in der Themenwahl in den Medienprojekten?

Lennart: Am Anfang haben wir kurz besprochen, was sich gut eignet und Professor Rada hat uns erstmal angeleitet. Es war allerdings prinzipiell möglich jedes Thema vorzuschlagen. Wir haben uns dann mit allen 16 Studierenden hingesetzt und alle Vorschläge diskutiert und anschließend die besten vier bis fünf Themen noch mal vorgestellt und abgestimmt. Das läuft sehr demokratisch bei uns.

Hochschule Bremerhaven: Welches Ziel verfolgt ihr mit dem Film?

Lennart: Einerseits wollen wir natürlich ein Bewusstsein für dieses Thema schaffen, das uns selbst auch wichtig ist und uns täglich beschäftigt. Wir wollten eine Plattform schaffen, um über das Thema zu sprechen. Andererseits ist uns wichtig aus diesem Projekt vieles mitzunehmen und aus Fehlern und Erfolgserlebnissen zu lernen. Da haben wir schon jetzt viel mitgenommen.

Chiara: Genau. Wir wollen mit den typischen Klischees aufräumen und hoffen, dass sich da was ändert. Klar treffen diese Klischees bei einigen Studierenden vielleicht zu, aber die meisten wollen wirklich was lernen, um später einen guten Job zu bekommen.

Hochschule Bremerhaven: Woran habt ihr gemerkt, dass das Thema so eine hohe Relevanz hat?

Chiara: An den vielen Bewerbungen, die wir bekommen haben. Da kam echt viel Feedback zurück, wie: "Cool, dass ihr das macht, ich würde so gerne bei euch mitmachen, weil ich möchte einfach, dass die Leute checken, dass studieren eben nicht nur heißt: wir machen jeden Abend Party, schlafen bis um 12 und sitzen dann verkatert im Vorlesungssaal und hören so halbwegs zu und haben dann Feierabend". Das war vielen Protagonist:innen sehr wichtig, dass sich das ändert. Teilweise aber auch daran als wir einigen Leuten erzählt haben, dass wir eine Doku über Studierende im Stress drehen, da kam auch teilweise die Reaktion "Ja ja, macht mal, was wollt ihr denn da zeigen?" Da muss sich einfach was ändern.

Lennart: Wir haben natürlich auch vorher Recherche betrieben, welche anderen Filme es gibt, die dieses Thema aufgreifen und wir haben da auch nicht die großen Beiträge gefunden. Aktuell wird auch viel über Schüler:innen, Berufstätige und Kitas geredet, aber wir hatten das Gefühl, dass dieses Thema Studierende nicht so wirklich viel behandelt wird. Diese Lücke wollten wir schließen.

Stress im Studium wird oft unterschätzt
Stress im Studium wird oft unterschätzt

Hochschule Bremerhaven: Wie habt ihr eure Protagonist:innen gefunden ?

Chiara: Jeder von uns kennt Studierende. Wir haben dann einfach rumgefragt und ein kleines Exposé rumgeschickt und einen Aufruf bei Instagram gestartet. Allgemein wollten wir mit vier bis fünf Leuten arbeiten. Wir haben dann aber so viele Nachrichten bekommen. Dann haben wir tatsächlich kleine Castings gemacht. Uns war es auch wichtig Diversität reinzubringen und möglichst viele Lebenssituationen zu behandeln, damit sich auch möglichst viele Studierende mit dem Film identifizieren können.

Hochschule Bremerhaven: Wie lief die Aufgabenverteilung ab?

Lennart: Anfangs haben wir uns hingesetzt und uns gefragt: Welche Jobs müssen erledigt werden? Wir haben dann coronabedingt Units aus drei Leuten gebildet, mit Redaktion, Kamera und Moderator:in. Meine Aufgabe waren in der Produktion die Kameraarbeit und die technische Umsetzung - also Equipment aus der Hochschule organisieren. Im Moment wechseln wir in die Postproduktion. Da übernehmen wir alle dann auch noch mal andere Aufgaben. Chiara und ich sind jetzt in der Tonproduktion.

Chiara: In der Vorproduktion war ich im Redaktionsteam. Da haben wir dann das Exposé geschrieben, den Kontakt mit den Protagonist:innen hergestellt, die Castings geleitet und so weiter. Durch Corona gab es natürlich auch viele Hindernisse: Wir mussten ein Hygienekonzept ausarbeiten, uns um Tests kümmern und einen Ausgangsschein organisieren. Während der Dreharbeiten haben wir von der Redaktion dann den Part der Gruppenleitung übernommen und uns um den Ablauf am Drehtag gekümmert und den Protagonist:innen Fragen gestellt. Wir haben auch alle in die anderen Bereiche mal reingeschnuppert, weil wir ja so viel wie möglich lernen wollen. Das ist für uns alle das erste große Dokumentarfilmprojekt.

Im Projekt hatten die Studierenden die Möglichkeit, sich in allen Bereichen auszuprobieren
Im Projekt hatten die Studierenden die Möglichkeit, sich in verschiedenen Bereichen auszuprobieren
Quelle: Lynn Uhrlaub

Hochschule Bremerhaven: Welche Erkenntnisse nehmt ihr aus diesem Projekt mit?

Lennart: Manchmal sollte man einfach Fünfe gerade sein lassen. Manchmal hilft es halt nicht, sich in irgendwas reinzuzwingen, wo man am Ende des Tages komplett ausgebrannt ist. Man sollte versuchen, eine gute Work-Life-Balance zu finden und auf sich selbst zu achten und sein Limit zu kennen.

Chiara: Und man sollte Prioritäten setzen. An einem Drehtag hat eine Protagonistin zu uns gesagt: "Leute manchmal hab´ ich das Gefühl ich müsste euch filmen", weil wir halt auch während des Projekts so im Stress waren. Und da habe ich auch gemerkt: okay ich muss Prioritäten setzen und andere Kurse dann vielleicht auch mal hinten anstellen. Und ich habe gelernt: Wir sitzen alle im gleichen Boot. Man denkt ja immer, dass man auch zwischen den Studiengängen krasse Unterschiede macht. Wir Medienstudierende werden ja sowieso gerne belächelt. Dabei haben wir zwar weniger Klausuren, dafür aber super viele Projekte auf einmal.

 

 

Weitere Informationen

Für das nächste Jahr planen die Studierenden die Präsentation des Films auf Filmfestivals. Für das Projekt haben sie eine eigene Instagramseite eingerichtet. Unter dem Namen studierendeamlimit geben sie Einblicke in das Projekt und die Fortschritte. Dort wird auch demnächst der Trailer zu sehen sein.

Weitere Informationen zum Studium Digitale Medienproduktion finden sich hier.

Hier geht´s zum Instagramaccount des Projekts
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