Eine besondere Mission

Jedes Jahr fahren die Studierenden des vierten Semesters im Studiengang Maritime Technologien (MAR) mit dem Schwerpunkt Meeresenergiesysteme und Messtechnik nach Schweden zur Forschungsstation Sven Lovén Centre for Marine Infrastructure. Dort haben sie eine Woche lang die Möglichkeit, ihre bereits im Semester angefangenen Projekte weiterzuentwickeln und direkt in der Nordsee zu testen. Eine Studierendengruppe beschäftigte sich dieses Jahr mit einem Unterwasserroboter, einem sogenannten Remotely Operated Vehicle, und hatte eine ganz besondere Aufgabe.

Ein Knistern und Knirschen kommt aus den schwarzen Kopfhörern. Erst hat man nichts gehört, jetzt ist es so laut, dass es in den Ohren klingelt. "Was?", fragt Kim. Sie trägt das Headset über ihren langen blonden Haaren, die im Wind wehen. Die dunkelblaue Windjacke ist bis zum Anschlag zugeknöpft. Ihre blauen Augen sind aufs Meer gerichtet, das heute ruhig ist. Die Sonne scheint. Das kleine weiße Schiff "Oscar von Sydow" hat gerade den Anker ausgeworfen und treibt still in der schwedischen Nordsee. Wieder knirscht es. Kim schaut angespannt, legt ihre Hand reflexartig ans Ohr. Dann hört sie endlich etwas. Es ist Caspar. Er sitzt nur ein paar Meter unter ihren Füßen. "Nichts anschalten bitte", spricht sie in das runde Mikrofon an ihrem Mund, das zu den Kopfhörern führt. Keine Antwort. Die Studentin der Hochschule Bremerhaven kniet sich runter zum hellblauen Kasten, ist sich aber unschlüssig, ob sie anfangen soll. Langsam zieht sie mit spitzen Fingern braune, lange, nasse Fäden vom Roboter runter. Kim schaut hoch und ruft dem Mädchen mit den rotbraunen Lockenkopf in der schwarzen Windjacke zu: "Emily, sagst du Caspar mal, dass er das ROV ausschalten soll". Emily richtet sich auf, steigt über das auf der Trommel gekurbelte gelbe Kabel und verschwindet unter Deck. Heute sind Kim Henschke, Emily Piccon und Caspar Ebner auf der "Oscar von Sydow" unterwegs. Andreas Bauhammer, der Vierte in der Gruppe, muss an Land bleiben. Zu klein ist das Schiff, damit alle vier und noch ein paar andere Studierende gleichzeitig mitfahren können.

Kim und Emily bereiten das ROV vor für den Tauchgang vor
Kim und Emily bereiten das ROV vor für den Tauchgang vor
Quelle: Hochschule Bremerhaven

Kim wartet noch ein paar Sekunden bis sie anfängt in die Rotorblätter des "ROVs" zu greifen. Das etwa 57 mal 47 cm große Remotely Operated Vehicle - oder auch ROV genannt - ist ein Unterwasserroboter, der sich über eine Fernsteuerung und mit Hilfe von Motoren unter Wasser fortbewegt und dabei Videobilder aufzeichnet und überträgt. Ein kleiner Auskundschafter unter Wasser ist das ROV damit und kann den Einsatz von Tauchern ersetzen. "Er besteht aus acht Motoren, Scheinwerfern zur Ausleuchtung, eine Kamera vorne und oben ist ein Sonar befestigt, welches der Orientierung dient. In der Röhre befindet sich die Elektronik und darunter sitzt der Akku", erklärt Kim, indem sie auf die jeweiligen Bestandteile des ROVS zeigt.

Nachdem Kim die Algen aus den Rotorblättern entfernt hat, packt sie zusammen mit Emily das ROV am schwarzen Rahmen an jeder Seite und hievt es über die Reling. Die langen braunen Algenfäden haben das ROV verlangsamt. Nachdem Kim sie entfernt hat, ist der Unterwasserroboter wieder startklar. Die beiden Studentinnen der Maritimen Technologien (MAR) lassen es behutsam am leuchtend gelben Kabel ins Wasser gleiten. Das Wasser sprudelt auf, als Caspar über die Fernsteuerung die Motoren anstellt. Das mit Gewichten beschwerte ROV sinkt langsam hinab, bis nur noch das grelle Kabel zu sehen ist. In der freien Wildbahn - sprich im Meer - sollen die vier Studierenden das ROV testen. Dies geht am besten während der Studienreise nach Schweden am Forschungszentrum Sven Lovén Centre for Marine Infrastructure in Kristineberg.

Caspar lenkt das ROV unter Deck
Caspar lenkt das ROV unter Deck
Quelle: Hochschule Bremerhaven

Ein paar Sekunden sieht Kim dem ROV im Wasser noch hinterher. Dann putzt sie sich die feuchten Hände an der hellblauen Jeanshose ab und geht unter Deck. Der Raum ist stickig und mit Holz vertäfelt. Durch die runden Luken dringt kaum Licht hinein. Dort im Halbdunkeln sitzt Caspar auf einer dunkelroten Eckbank an einem furnierten Holztisch, einen silbernen Spielkonsolen-Controller in der Hand. Mit seinem rechten Daumen drückt er den rechten Stick nach oben. Durch seine eckige, schwarzumrahmte Brille schaut er auf die vor ihm aufgebauten Bildschirme, die mit einem Laptop verbunden sind. Auf dem rechten Monitor sieht er, was das ROV aufzeichnet – sich im Wasser schlängelnde Algen, viele winzige Schwebeteilchen, die umherwirbeln, dann mal einen Anker auf Grund. Auf dem linken Monitor sieht er gelbe, blaue und grüne Flecken auf schwarzem Hintergrund. Das Sonarbild zeigt an, was sich in der Nähe des ROVs befindet. Es dient der Orientierung und Erleichterung der Suche nach Objekten in der Tiefsee. „Wir suchen gerade nach der Abdeckung für den Vertikalachsenrotor einer Fähre hier“, erklärt Caspar ohne die Augen vom Bildschirm zu lösen. Mit einer Größe von 3,5 Metern sollte diese eigentlich nicht zu übersehen sein. Für die Bergung braucht die Fährgesellschaft aber einen genauen Standort. Da kamen die Studierenden mit dem ROV wie gerufen.

Caspar am "Steuer"
Caspar am "Steuer"
Quelle: Hochschule Bremerhaven

Auf einmal taucht auf dem Sonarbild ein großer Fleck auf. "Guck mal, was das für einen Schatten wirft. Da muss was liegen", sagt Caspar. Jan Boelmann kommt in einer roten Windjacke die schmale Holztreppe hinunter. Der Technische Angestellte im Labor für Maritime Technologien begleitet die Exkursion nach Schweden und ist heute auch auf der "Oscar von Sydow" unterwegs. Für ihn ist die Aufgabe der Fährgesellschaft ideal, damit die Studierenden mit dem ROV üben können. Er sieht das Sonarbild und deutet auf den großen Schatten: "Das könnte es doch sein." Langsam navigiert Caspar das ROV an die Stelle des Schattens. Er lässt den Hebel seines Controllers los. Der Schatten ist nicht die gesuchte Abdeckung, sondern eine handelsübliche Mülltonne, die vor ihnen liegt. Mit aufgeklapptem Deckel ruht sie auf Meeresgrund. Caspar, Kim und Jan lachen. "Wie kommt denn bitte so eine Mülltonne einfach ins Meer?", fragt Jan. Caspar steuert jetzt Richtung Nordwest. Das Sonar erfasst nur eine Distanz von 10 bis 15 Metern. Wieder schiebt er den Hebel am Controller nach oben. Diesmal den linken Stick. Eine Frau ertönt in monotoner Roboterstimme: "Gain ist 25 Prozent". Damit sagt sie die Geschwindigkeit des ROVs an. Je schneller Caspar das ROV nach vorne steuert, desto größer ist die Gefahr, dass er Sand aufwirbelt und dies seine Sicht trübt. Je langsamer er jedoch das ROV bewegt, desto länger dauert die Suche.

Jan navigiert Caspar von Deck aus
Quelle: Hochschule Bremerhaven

Jan geht wieder nach oben. Durch das schwarz-gelbe Funkgerät sagt er zu Caspar und Kim: "Langsam wird's heiß, letzte Aktion". Er will Caspar mit dem ROV anhand des gelben Kabels durchs Wasser lotsen, um das Gebiet besser zu durchkämen. Während des Mülltonnenfundes hat Emily oben die Stellung am gelben Kabel gehalten. Immer wieder hockt sie sich hin, kurbelt an der Kabeltrommel, setzt sich auf und guckt hinaus. Das Kabel darf nicht auf Spannung geraten, sonst reißt es am ROV ab. Während sie die gelbe Schnur durch das schillernde Wasser beobachtet, unterhält sie sich mit Imram. Er ist ein indischer Student, der sein Masterstudium an der Universität in Uppsala macht. Insgesamt drei Studierende aus Uppsala sind bei dem Workshop neben den insgesamt 16 deutschen MAR-Studierenden anwesend. "Mit denen können sich unsere Studierenden fachlich austauschen und auch mal auf internationaler Ebene arbeiten", erzählt Jan.

Emily behält das gelbe Kabel im Auge
Emily behält das gelbe Kabel im Auge
Quelle: Hochschule Bremerhaven

Caspar kommt jetzt auch hoch und löst Emily ab, die unten die Steuerung des Roboters übernimmt. Noch eine viertel Stunde geht der Unterwasserroboter auf Erkundungstour. Dann beendet die schwache Batterie die einstündige Suche, ohne die Abdeckung gefunden zu haben. "Es wäre stark gewesen, wenn wir die auch noch gefunden hätten", sagt Jan. In einer silbernen Metallkiste kramt Caspar und wird fündig. Er zieht die blauen Einweghandschuhe raus und streift sie sich über: "Keine Ahnung, ob die Quallenreste am Kabel auch weh tun". Er fängt an, das Kabel aufzurollen. Durch das Funkgerät ertönt: "Nicht ziehen". Er lacht: "Upsi, ´tschuldigung." Irgendwann hat er es geschafft. Kim eilt ihm von unten zu Hilfe, um den Roboter rauszuziehen. Am gelben Kabel ziehen sie das tropfende ROV langsam hoch und packen es am Rahmen, um es dann kopfüber aufzustellen, damit das Wasser ablaufen kann. Kim schaltet die Batterie hinten ab. Das Schiff fährt wieder los, zurück zur Station.

Andreas, Kim und Emily mit dem ROV an Land
Quelle: Hochschule Bremerhaven

An der Forschungsstation empfängt Andreas die Studierenden mit einem Foto, das er vom einlaufenden Schiff knipst. Während die Drei auf dem Schiff waren, hat er an seiner Präsentation gearbeitet, die er am nächsten Tag halten soll. Kim erzählt Andreas erstmal von den Fundstücken, die sie auf ihrer Suche entdeckt haben: eine Mülltonne, die vielen Anker und ein Betonblock. Auch wenn die Abdeckung nicht gefunden wurde, war die Suche erfolgreich. Anders als bei der ersten Fahrt vor ein paar Tagen hat das ROV heute einwandfrei funktioniert.

Schon am ersten Abend in Schweden tüftelten die Studierenden die ganze Nacht am ROV. Erst ist der von ihnen eingebaute Schalter durchgebrannt. Danach hat das Übertragungsbild geflackert. Erst nachdem sie das ganze ROV auseinander genommen und wieder zusammengesetzt haben, ohne etwas zu finden, hatten sie die Lösung. "Das ROV hat eine HD Kamera. Das konnte der Laptop nicht darstellen, weswegen das Bild alle drei Sekunden geflimmert hat", erklärt Andreas. Dies kostete sie nicht nur viel Nerven, sondern auch Freizeit. Später erzählt Jan, dass sie es als Lehrende gut fanden, dass den Studierenden sowas passiert ist: "Es lief zu Hause einfach zu glatt als sie das ROV im Schwimmbad getestet haben. Nur durch die entstandenen Probleme in Schweden mussten sie sich richtig mit dem ROV auseinandersetzen und haben etwas dazugelernt."

Die ganze Studierendengruppe bei der Exkursion nach Kristineberg
Die ganze Studierendengruppe bei der Exkursion nach Kristineberg
Quelle: Hochschule Bremerhaven

Nach der dann doch erfolgreichen zweiten Fahrt aufs Meer mit ROV fällt die Anspannung von den Studierenden. Noch eben das ROV abspritzen bevor die Quallenreste und das Salzwasser antrocknen. Kim atmet erleichtert auf und lacht: "Endlich Freizeit".