Hallo und Dzień Dobry

Annika Muus
Annika Muus
Quelle: Clas Jacobsen

Seit 15 Jahren nehmen Studierende der Hochschule Bremerhaven am Austausch mit der polnischen Partnerhochschule Akademia Morska Gdynia teil. Auch in diesem Jahr haben die Studierenden viele Erfahrungen gesammelt und eine neue Kultur kennengelernt. Annika Muus war eine dieser Studierenden. Unsere Mitarbeiterin Maria Bossauer begleitete sie auf der Reise nach Polen.

Annika gähnt. Obwohl der Flug nur eine Stunde dauert, steht sie etwas müde und zerknittert neben ihrem Koffer in der Aufenthaltshalle. Tatsächlich geht es den anderen acht Studierenden nicht anders. Einige sind rausgegangen, um frische Luft zu schnappen. Die anderen sitzen noch drinnen auf ihren Koffern. Annika trägt einen grauen Hoodie, schwarze Leggins und Turnschuhe - hauptsache gemütlich. Die blond gefärbten Haare hat sie zurückgebunden. Langsam öffnet sich die Glastür. Zwei junge Frauen in geblümten und gestreiften Kleidern marschieren lächelnd in Richtung der Studierenden. Annika erinnert sich an Professor Feldmeiers Worte. Gastfreundlich seien die Polen und würden schicke Kleidung in allen Ehren halten. Damit hatte er auf jeden Fall Recht. Noch etwas zaghaft, aber auch gespannt, was die nächsten Tage passieren wird, begrüßen sich die Studierenden. "Hallo" - "Dzień Dobry". Der erste Teil des Gemeinschaftsseminars kann beginnen.

Die Studierenden des 15. Gemeinschaftsseminars
Die Studierenden des 15. Gemeinschaftsseminars
Quelle: Clas Jacobsen

Annika Muus verbringt mit acht anderen Studierenden der Hochschule Bremerhaven die nächsten sechs Tage mit neun Studierenden der Partnerhochschule Akademia Morska im polnischen Gdynia. Die 23-Jährige möchte etwas Neues kennenlernen, ein Gespür für die jeweils andere Kultur bekommen und so ihre interkulturelle Kompetenz stärken. Und vielleicht neue Freunde finden. Die Cruise Tourism Management Studentin (CTM) der Hochschule Bremerhaven ist zum ersten Mal in Polen. Auf den letzten Drücker wollte sie noch am Gemeinschaftsseminar teilnehmen. Sie ist nämlich kurz vor Abgabe ihrer Bachelorarbeit. Das Seminar sei ein Extra, was sie mal mitmachen wollte: „Obwohl Polen unser Nachbarland ist und so viele Menschen mit polnischen Wurzeln in Deutschland leben, weiß ich leider wenig über das Land und die polnische Kultur - das würde ich gerne ändern."

Ausflug ins Museumsdorf Szymbark
Ausflug ins Museumsdorf Szymbark
Quelle: Clas Jacobsen

Am nächsten Morgen sitzt Annika mit den Studierenden an einem runden Tisch. Prunkvolle Gemälde der Altrektoren an den Wänden. Die kleinen Modelle der Trainingsschiffe mitten im Raum spiegeln den maritimen Charakter der Akademia Morska. Am Kopf des Tisches ragt das Hochschullogo wie ein Wappen. Die wichtigsten Ämter der polnischen Hochschule haben sich versammelt, um die deutschen Studierenden willkommen zu heißen. Jeder goldene Knopf der Marineuniform wurde für diesen Anlass poliert. Annika - ganz in schwarz gekleidet - fällt mit ihren Birkenstocks aus dem Bild. Unter den Vizerektoren und Dekanen sitzt sie neben den anderen Studierenden des Gemeinschaftsseminars. Selbst die polnischen Studierenden waren noch nie in dem luxuriösen Saal. Es ist etwas Besonderes, wenn die Hochschule Bremerhaven zu Besuch ist.

Annika ist zwar erst seit einem Tag da, hat aber schon den ein oder anderen Eindruck der Akademia Morska gewonnen: "Irgendwie passt der Raum ja zu der Hochschule - dieses Traditionelle - auch wenn es von außen nicht so wirkt." Das anschließende Mittagessen wird in einem Raum mit silbernen Kerzenständern, gestärkten Servietten und akkuraten Kellnern genossen. Neben Annika sitzt Hendrik. Er scherzt: "Ein Lunch bei Kerzenschein".

Lächeln fürs Foto
Lächeln fürs Foto
Quelle: Clas Jacobsen

In einem ausrangierten, wackeligen Bus geht es am nächsten Tag nach Szymbark - einem kaschubischen Museumsdorf. Die 23-jährige sitzt ganz vorne im Bus. Ihr wird immer schlecht bei Busfahrten, deshalb kapselt sie sich von den anderen ab, die sich alle im hinteren Teil des Busses zusammengepfercht haben. Sie atmet auf. Zwei Tage Programm sind nun bewältigt. Die Begrüßungsfeier und einige Lehrveranstaltung standen bis jetzt auf der Tagesordnung. Jetzt beginnt das Kulturprogramm. Annika ist gut gerüstet für einen langen Tag. Ihre Sportschuhe im leuchtenden Lila hat sie genau für solche Zwecke in den Koffer gepackt. Eine kleine, blonde Russin führt Annika und die Gruppe durch das Museumsdorf mit kleinen Holzhütten, einer Eisenbahn und einem Bombenschutzbunker. Das Englisch der sonst für russische Führungen zuständigen Frau ist bröckelig. Vieles spart sie beim Rundgang aus. Glücklicherweise hat die deutsche Studentin Julia polnische Wurzeln und beherrscht die Sprache. Annika und Julia schlendern nebeneinander durch die Anlage. Julia erzählt, die kaschubische Vertreibung als Migration zu bezeichnen, sei beschönigend. Annikas Vorfreude hat sich nach dem Rundgang etwas gelegt. "Ich finde es total schade, dass wir hingefahren sind, um die polnische Kultur und Geschichte kennenzulernen und am Ende kaum was rausgefunden haben."

Am Nachmittag wird das aufgeschobene Mittagessen endlich serviert. Annika muss beim Anblick kurz schlucken. An einem langen Holztisch werden Kartoffelpuffer mit Schmand und Marmelade, Sülze mit Gurken und Toastbrot sowie Kuchen serviert. Ein paar stehen schon am Lagerfeuer und strecken ihre Grillwürstchen auf Spießen ins Feuer. Langsam verteilt sich der Geruch von gegrilltem Fleisch in der Scheune. Ein Tablett mit Salaten wird reingetragen. Annika ist Veganerin. Der Salat ist für sie und die anderen Vegetarier und Veganer der Gruppe. Sie lacht: "Ich weiß nicht, warum Leute immer denken, dass Veganer nur Salat essen?"

Der Abend ist für Kartenspielen und lange Gespräche da
Quelle: Clas Jacobsen

Tatsächlich sollte am nächsten Tag Annikas Wunsch von salatfreiem Essen erfüllt werden. Doch zunächst führt der ehemalige Professor beider Hochschulen, Prof. Dr. Hans Rummel, die Studierenden durch Danzig. Der ergraute Mann kennt die Stadt so gut wie die Taschen seines karierten Sakkos. Unzählige Geschichten hat er zu der Stadt und einzelnen Häusern zu erzählen. Langsam schlenden sie gemeinsam durch die Straßen - da hat er mal gewohnt, hier stand mal ein anderes Gebäude. Selbst die polnischen Studierenden staunen, wenn Prof. Rummel sie an Orte bringt und Geschichten dazu erzählt, die auch sie nicht kennen. "Ich finde es total faszinierend, was Herr Rummel alles von Danzig weiß. Es scheint, als würde er jede kleine Gasse hier kennen", erzählt Annika, während sie die prunkvollen Bauten anschaut. Vom besten Aussichtspunkt, in die Innenstadt mit den versteckten Neptunfiguren und den bunten Häusern bis zur Pierogarnia u Dzika, einem speziell auf Piroggen ausgerichteten Restaurant, leitet der ehemalige Professor sie und die anderen Studierenden durch die Hansestadt. Hier gibt es dann auch ein typisch polnisches Gericht in vegetarischer Form zu essen: Piroggen gefüllt mit Sauerkraut, Kartoffeln, Spinat und vielem anderen. "Faszierend, wie viel Mühe sich die polnischen Studierenden machen, um bei jeder Mahlzeit eine vegetarische oder sogar vegane Variante auf den Tisch zu zaubern, auch wenn sie es vor der Begegnung mit den deutschen Studierenden so nicht kannten."

Nach einem kurzen Clubbesuch in Danzig fährt Annika mit den Anderen in das studentische Wohnheim, wo sie übernachten. Annika teilt sich ein Apartment mit vier Leuten. Die Wände sind kahl, eine kleine Küchenzeile ohne Geschirr steht im Gemeinschaftsraum. Das Schlafzimmer mit den drei Einzelbetten teilt sich Annika mit Julia und Sawsan. "Für die paar Tage ist das hier völlig ok" sagt Annika. Einen tierischen Mitbewohner gibt es auch. Naja, fast. "Vor dem Balkon tummelt sich gerne ein Wildschwein aus dem benachbarten Wald. Die Studierenden füttern es, sodass es immer wieder kommt", erzählt Annika mit Bedauern. Nicht alles sei gesund für das Wildschwein, was da so vom Balkon fällt. Beim Kartenspielen und langen Gesprächen wird die Zeit dann schnell vergessen. Umso schwerer fällt das Aufstehen dann für den Besuch des Hafens am nächsten Tag.

Am Hafen werden Erinnerungsfotos geschossen
Am Hafen werden Erinnerungsfotos geschossen
Quelle: Clas Jacobsen

Sie streicht sich die blonden Haare aus dem Gesicht. Noch mehr Farbe hat sie bekommen von dem guten Wetter, sieht aber auch etwas müde aus. An den Gesichtern der anderen Studierenden ist zu sehen, dass es allen so geht. Letzte Nacht war wohl doch etwas zu lang. Zwischen Betonklotzen, riesigen Kränen und Überseecontainern läuft Annika neben den anderen Studierenden durch die Industrielandschaft Gdingens zum Hafen. Ein älterer Mann im Anzug und eine junge, blonde Frau begrüßen alle freundlich. Aufmerksam hört Annika der Frau bei ihrer Präsentation zum Hafen zu.

Am letzten Tag wird im studentischen Club ausgelassen gefeiert
Am letzten Tag wird im studentischen Club ausgelassen gefeiert
Quelle: Clas Jacobsen

Am Abend gibt es eine kleine Abschiedsfeier für die deutschen Studierenden im studentischen Club der Akademia. Nach einer kurzen Aufwärmphase stürmen die polnischen Studentinnen auf die leere Tanzfläche. Ausgelassen tanzen sie zu der Musik. Annika spielt lieber Billard mit den Jungs. Die letzten Tage scheinen so schnell vergangen zu sein. Viel Programm hätte es gegeben. Gewünscht hätte sie sich mehr Vorlesungen zu interkulturellem Management. Aber so gastfreundlich wurde sie selten irgendwo empfangen. „Jetzt steigt jedoch der Druck, genauso gut für die polnischen Studierenden zu sorgen, wenn sie in zwei Wochen zum zweiten Teil des Seminars kommen“, sagt Annika etwas besorgt unter dem Discolicht, welches gerade angegangen ist. Ob sie noch mit jemandem in Kontakt bleiben wird? Sie zupft an ihrem dunkelgrünen Hoodie: „Vielleicht, mit einigen bestimmt. Mit anderen vielleicht weniger. Wie es so ist.“ Ein Lächeln huscht ihr übers Gesicht: „Aber auch neue deutsche Studierende habe ich hier kennengelernt. Total toll auch nach vier Jahren an der Hochschule nochmal neue Leute zu treffen“. Allein deshalb habe sich die Reise für sie gelohnt. Am nächsten Tag im Flieger blickt sie nachdenklich in die Wolken und überlegt, was der zweite Teil des Seminars alles so bringen wird.