Exkursion nach Schweden

Forschendes Lernen auf rauer See

Junger Mann mit einer roten Schwimmweste
Julian kann sich freuen: Durch die Forschungsreise nach Schweden kann er wichtige praktische Erfahrungen sammlen.
Quelle: Hochschule Bremerhaven

Das Sven Lóven Centre in Schweden: Studierende der Hochschule Bremerhaven und der Universität Uppsala sind für eine Forschungsreise an die Skagerrak Nordsee gereist. Wochenlang haben sie sich mit ihren Projekten auf die Expedition vorbereitet. In Gruppenarbeiten möchten sie ihr erlerntes Wissen aus dem Studium anwenden und Einblicke in das Leben auf einer Forschungsstation gewinnen – damit folgen sie dem Konzept des Forschenden Lernens.

Die Finger greifen nach den metallischen Saiten und zupfen daran. Es ertönt ein quietschender, schiefer Ton aus dem offenen Speiseraum. Julian Laupichler stört sich nicht daran und spielt weiter an der Gitarre. Er versucht sich an dem Lied „Summer Time Sadness“ der amerikanischen Sängerin Lana Del Rey. Währenddessen liegt ein Geruch von frischem Basilikum und gegarten Tomaten in der Luft. Ein Teil der Gruppe steht in einer kleinen, zwei Meter langen Küche und kocht eine Bolognese-Soße. Der Dampf des Nudelwassers lässt die kleinen Fenster beschlagen. Die Spaghetti kochen in viel zu kleinen Töpfen vor sich hin. Aus dem Nebenraum raunen die schiefen Gitarrentöne.

Gemeinsam mit seinen Kommilitoninnen und Kommilitonen der Hochschule Bremerhaven genießt der Gitarrenspieler das verspätete Mittagessen. Die Studierenden der Maritimen Technologien sind für einen Workshop zum Thema Meeresenergiesysteme nach Schweden zum Sven Lóven Centre gereist. Unterstützt wird die einwöchige Expedition von der Schwedisch Königlichen Akademie der Wissenschaften mit mehr als 13.000 Euro. Der Ausblick aus dem Fenster des Speisesaals der Forschungsstation ist ganz anders als der Blick aus dem Labor der Hochschule. Er zeigt eine malerische Kulisse: kobaltblaues Wasser unter einem festen Holzsteg. Dahinter ist das kleine Fischerdorf Fiskebäckskil zu erahnen. Die schroffen Felsen ragen aus dem Meer und umranden den Ort. Doch neben der Idylle und dem Beisammensein wartet die Arbeit auf die 24 Teilnehmenden.

Ein Forschungsschiff auf hoher See

Am nächsten Morgen: In den Ohren klingt das Aufschäumen des Meeres, wenn sich die Wellen am Forschungsschiff Oscar von Sydow brechen. Auch Julian ist auf der vierstündigen Expedition der Studierenden dabei. Ein Unterwasserkraftwerk in der Skagerrak Nordsee ist das Ziel der Fahrt. In der prallen Sonne bilden sich Schweißperlen auf Julians Stirn. Die dicke, rote Rettungsweste gibt zusätzlich Wärme neben der körperlichen Anstrengung ab. Der 25-Jährige hilft seinen Teammitgliedern beim Versenken einer Wellenmessboje auf dem Meeresgrund.

Sie wird in den nächsten Stunden die Bewegungen der Wellen für das Team aufzeichnen. Julian lehnt sich zurück und lässt die Anstrengungen verebben. Er genießt die Aussicht und schießt Erinnerungsfotos von der nordischen Landschaft. Zu Skandinavien hat er eine besondere Beziehung: Während seiner Ausbildung hat er einige Wochen in Norwegen gelebt und die schroffe Felsenlandschaft lieben gelernt.

Auf der Forschungsreise haben er und seine Mitstudierenden die Chance ihr Können zu testen und zu verbessern: „Ich habe so etwas nie vorher gemacht, aber ich bin froh, dass ich die Arbeit eines Forschers hier ausprobieren kann“, sagt Julian. Der gelernte Schlosser ist neugierig, aber gelassen. Er lässt sich nicht aus Ruhe bringen und geht die Arbeit auf dem wackligen Forschungsschiff ruhig an. Um solche Praxiserfahrungen geht es beim Forschenden Lernen, wie Professor der Studierendengruppe, Prof. Dr. Axel Bochert erklärt: „Für mich ist es wichtig, dass die Studierenden ihre eigenen Erfahrungen machen. Wir nennen diese Methode Forschendes Lernen. Indem sie viele Dinge einfach selbst ausprobieren, werden sie gut auf den ersten Job vorbereitet. Daher versuche ich immer nur Lösungsansätze und Denkanstöße zu geben.“ Während die Studierenden gespannt die Bewegungen der Boje im Meer verfolgen, entspannt sich auch der 50-Jährige und nickt zufrieden.

Studierende berichten über ihre Forschungsprojekte

Eine andere Facette der Forschungswelt erhält Julian im himmelblauen Vorlesungssaal der Station. Alle Studierenden müssen einen Vortrag über ihre erarbeiteten Projekte aus den vergangenen zwei Semestern halten. Der Student hat sich schick gemacht: Dunkelblaues Hemd mit einem dunkelgrauen Pullover darüber. Er sitzt zurückgelehnt auf einem einklappbaren, hölzernen Sitz. Nichts an seiner Körpersprache deutet darauf hin, dass er gleich einen Vortrag auf Englisch über einen Wellentank halten wird. Äußerlich wirkt er entspannt, doch innerlich sieht es anders aus: „Ich bin schon ein wenig aufgeregt. Eine Präsentation auf Englisch, gerade vor den schwedischen Studierenden mit ihrer perfekten Aussprache zu halten, ist eine neue Herausforderung für mich.“ Doch der Kontakt zu den schwedischen Studierenden ist gerade ein Ziel der Reise. Durch die Kooperation mit der Universität Uppsala können Julian und seine Mitstudierenden ihr Englisch verbessern und internationale Workshop-Luft schnuppern.

Auch die Erfahrungen aus den vergangenen Hochschulsemestern machen sich bezahlt. Julian hat bisher mehrere englische Abschlusspräsentationen gehalten und erfolgreich gemeistert, denn er ist bereits im sechsten und damit vorletzten Semester seines Studiums.

Forschendes Lernen bereitet auf das Arbeitsleben vor

Der erste Job nach dem Studium liegt in greifbarer Nähe. Die Forschungsreise bereitet die MAR-Studierenden auf ihre Zukunft vor, denn in Schweden lernen sie nicht nur das praktische Arbeiten, durch das Forschende Lernen können sie auch den Beruf als Ingenieurinnen und Ingenieure als Ganzes erleben: von einer Tagung, über Forschungsfahrten, bis hin zum Leben auf einer Station wie dem Sven Lóven Centre, bekommen sie einen Einblick in ihr späteres Berufsleben.

Das bestätigt auch Julian: „Hier in Schweden können wir aktiv werden und viel dazu lernen. Durch die Fahrten mit dem Forschungsschiff kann ich mich ausprobieren. Wenn ich meinen ersten Job nach dem Studium anfange, werde ich dann nicht komplett ins kalte Wasser geworfen, sondern weiß in etwa, was mich erwartet.“

In der Luft liegt immer noch der Duft der Bolognese-Soße: Nach dem Mittagessen spielt Julian noch ein Lied. Dann geht es ans Abspülen. Die weißen Teller mit der eingetrockneten roten Soße werden gemeinschaftlich gesäubert. Die Studierenden genießen noch die abwechslungsreiche Zeit in Schweden. Denn nach der Reise wartet wieder Alltag auf die Gruppe in Bremerhaven: die Klausurenphase beginnt.