Liebe, Freundschaft und verpasste Flüge – 10 Jahre Bremerhaven International Summer School an der Hochschule Bremerhaven

Heiko schaute zum dritten Mal auf seine Armbanduhr. Wo bleibt er nur, der japanische Student Yoshihiro? Vergeblich hält er in der Ankunftshalle des Bremer Flughafens Ausschau nach dem asiatischen Teilnehmer der Bremerhaven International Summer School der Hochschule Bremerhaven. Sein Handy klingelt: Yoshihiro. Er wartet vor dem Flughafeneingang. Heiko sucht ihn. Bald wird klar: Yoshihiro steht nicht in Bremen, sondern in Frankfurt vor dem Flughafen. Nur ein Nachtzug konnte den Weiterflug in die Hansestadt ersetzen. „Das ist nur eines von vielen Abenteuern aus den vergangenen zehn Jahre Summer School“, schmunzelt Prof. Gerhard Feldmeier, Organisator der Bremerhaven International Summer School der Hochschule Bremerhaven.

Über 400 Teilnehmer und 25 Dozenten aus über 20 Ländern erlebten in den vergangenen zehn Jahren bei der jährlichen Bremerhaven International Summer School der Hochschule Bremerhaven ein abwechslungsreiches Programm und internationale Vielfalt. Dabei hinterlässt die deutsche Pünktlichkeit bei so manch einem einen bleibenden Eindruck. So auch bei zwei Kaliningrader Studenten im vergangenen Jahr. Zur Abfahrt in die Heimat kamen sie zehn Minuten zu spät am Busbahnhof an. „Wir setzten die Studenten in den Zug nach Hannover. Dort holten sie den Bus zum Glück wieder ein, jedoch in letzter Minute“, so Prof. Feldmeier. Für andere Kulturen kann sie eben auch trügerisch sein, die deutsche Genauigkeit.

So auch für einen Studenten aus Usbekistan: Er vergaß einen Koffer im Nachtzug zum Frankfurter Flughafen, samt aller wichtigen Reisedokumente. Einige Stunden später erreichte der Koffer den Flughafen, aber der Flieger in die Heimat war schon ohne ihn gestartet. Zusätzlich lief sein Visum noch am selben Tag aus. „Der Usbeke verbrachte also drei Tage im Transitbereich des Frankfurter Flughafens, bis der nächste Flieger mit ihm in die Heimat ging“, erzählt Feldmeier, Konrektor für Internationalisierung der Hochschule Bremerhaven.

Eine weite Anreise hatten bislang alle Teilnehmer der Summer School. Sie kamen unter anderem aus Usbekistan, Russland, Japan, China, Polen, Frankreich, den USA, Kolumbien und Spanien. Von der norddeutschen Seestadt geht ein spezieller Reiz aus. Dabei wäre das Projekt einmal fast am Austragungsort gescheitert. „Wir konnten die Summer School in dieser Form von unserer Partnerhochschule aus Rotterdam übernehmen, die sie dort nicht mehr weiterführte“, erinnert sich Organisator Feldmeier. „Wir hatten ernste Bedenken, ob wir die dort teilnehmenden Dozenten und Studierenden aus den Weltmetropolen Tokio, Moskau oder Minneapolis auch für unser kleineres Bremerhaven begeistern können.“ Doch das Gegenteil war der Fall: weitere Länder kamen hinzu und das Partnerhochschulnetzwerk wurde weiter ausgebaut. „Das Gesamtangebot überzeugt durch den interkulturellen Austausch, die wissenschaftlichen Seminare und attraktive Kultur- und Freizeitangebote“, meint der 28-jährige Bakhtiyor Atabullaev aus Usbekistan: „Ich lerne hier viel über andere Nationalitäten.“ So bereichert die Vergabe eines Stipendiums an jeweils zwei Studierende aus Kaliningrad beispielsweise den interkulturellen Austausch. Seit sieben Jahren bekommen immer zwei russische Studierende dank der Städtepartnerstadt ein Stipendium für die Bremerhaven International Summer School von der Stadt Bremerhaven, finanziert von der Sparkasse Bremerhaven.

Ausflüge an den Strand der Nordseeküste, Besuche lokaler Museen und Unternehmen, Überfahrten zur Hochseeinsel Helgoland und zwei große Partys brachten die Teilnehmer der letzten zehn Jahre einander näher. Über soziale Netzwerke bleiben sie in Kontakt. „Ein japanischer Student lud einmal alle Teilnehmer zu sich nach Hause ein. Er war überrascht als ein Franzose, ein Kolumbianer und ein Chinese die weite Reise tatsächlich auf sich nahmen“, weiß Prof. Feldmeier Und manchmal wurde aus Freundschaft auch ein bisschen mehr. So wie 2008, als es zwischen einem Spanier und einer Polin ordentlich knisterte. Es ist bekannt, dass sie sich auch nach der Summer School in ihren Heimatländern besuchten. Vielleicht ist ja mehr daraus geworden. Atie Siddré würde es freuen. Sie ist die Gründerin der Summer School in Rotterdam. Ihre Vision hat an der Hochschule Bremerhaven ein Zuhause gefunden. „Ich wollte Menschen aus aller Welt zusammenbringen. Sie sollen miteinander lachen, Spaß haben und sich austauschen, auch politisch“, erklärt sie.

Deshalb gehören auch englischsprachige Seminare zum Rahmenthema „The Management of Change“ zum Kursprogramm. Jeder Teilnehmer kann hier seine fachliche Sicht ins Spiel bringen und gemeinsam mit anderen Nationalitäten globale wirtschaftliche, gesellschaftliche und technologische Veränderungsprozesse und Entwicklungen diskutieren. Wer alle studienbegleitenden Prüfungen besteht, erhält für die Kurse fünf ECTS-Punkte, die ihnen in ihren Heimathochschulen anerkannt werden können.

Zum zehnten Geburtstag erreichten alle Teilnehmer ohne Verzögerungen die Seestadt. Und genauso reibungslos fanden alle wieder nach Hause. Ein erfolgreiches Jubiläum. „Der interkulturelle Austausch ist für mich stets bereichernd und die Pflege internationaler Hochschulpartnerschaften liegt mir sehr am Herzen“, erklärt Feldmeier. „Insofern ist es eine Freude zu diesem Anlass jährlich junge Menschen aus vielen Ländern an unserer Hochschule zusammenzuführen, so dass ich trotz des enormen Organisationsaufwandes diese internationale Atmosphäre in vollen Zügen genieße. Und das auch gerne noch für die weiteren Jahre.“

Zurück zur Übersicht