Soziales Lernprojekt mit Erfolgsgeschichte

Soziales Lernprojekt mit Erfolgsgeschichte

Die „Zeitschrift der Straße“ ist ein Erfolgsprojekt. Entstanden als Möglichkeit für Studierende, sich innerhalb des Studiums sozial zu engagieren und eigene Ideen unternehmerisch umzusetzen, gibt das Straßenmagazin inzwischen seit zehn Jahren Wohnungslosen eine Perspektive. Zu verdanken ist dies Prof. Dr. Michael Vogel. Der Professor für Entrepreneurship Education und Leiter des Studiengangs Gründung, Innovation, Führung an der Hochschule Bremerhaven hat die Zeitschrift der Straße initiiert, mitgegründet und über 10 Jahre ehrenamtlich geleitet - und dabei viel über Wohnungslosigkeit gelernt.

Auf die Idee, gemeinsam mit Studierenden die Zeitschrift der Straße ins Leben zu rufen, kam Prof. Vogel eher zufällig. „Ich habe selbst immer Straßenmagazine gekauft, egal, wo ich gewohnt habe. Als ich nach Bremen gezogen bin, ist mir sofort aufgefallen, dass es dort kein eigenes gab.“ Da er zu dem Zeitpunkt auf der Suche nach einer Idee für ein soziales Projekt war, ließ er im Mai 2009 Studierende eine Machbarkeitsstudie durchführen. „Ich wollte herausfinden, ob sich ein solches Projekt mit Studierenden verschiedener Studiengänge und Hochschulen überhaupt realisieren lässt. Man braucht viele Kooperationspartner, die das Projekt mittragen.“ Die studentische Forschungsgruppe reichte als Prüfungsleistung nicht nur einen gut recherchierten Bericht ein, sondern lieferte auch direkt eine Liste mit Handlungsempfehlungen. „Und da stand ich dann mit meiner To-do-Liste und musste schauen, wie ich das Ganze am besten umsetzen kann“, erinnert sich Prof. Vogel.

Dass ein solches Projekt an der Hochschule überhaupt durchgeführt werden konnte, ist einer Änderung des Lehrplans zu verdanken. „Unsere Studierenden im Studiengang Cruise Tourism Management waren damals geblendet von der Kreuzfahrtbranche. Ihnen war gar nicht bewusst, dass sie mit ihrem Abschluss viele Möglichkeiten außerhalb dieses Berufsfeldes haben. Dadurch wurden sie in ihrem Studium zu einseitig. Wir wollten aber nicht, dass sie sich von vornherein zu sehr auf den Tourismusbereich festlegen“, erklärt Prof. Vogel. So wurde schließlich beschlossen, dass soziale Projekte zum Curriculum des Studiengangs gehören. Die Studierenden sollten sehen, dass ihre Fähigkeiten auch in Bereichen benötigt werden, die nichts mit der schillernden Kreuzfahrtwelt zu tun haben. So halfen sie in sozialen Einrichtungen bei aktuellen Herausforderungen und entwickelten für die Träger Lösungsvorschläge. „Die Zusammenarbeit war immer sehr erfolgreich, es zeigte sich jedoch ein Problem: Die Prioritäten können sich in den Einrichtungen sehr schnell verschieben. So konnte es sein, dass die Projekte der Studierenden schon während des Semesters für die Auftraggeber nicht mehr interessant waren, weil sie sich in der Zwischenzeit dringender um andere Dinge kümmern mussten.“ Deshalb habe man schließlich nach einer Alternative gesucht. „Ich wollte lieber ein Projekt, das besser durch uns kontrollierbar ist und bei dem die Studierenden idealerweise selbst unternehmerisch tätig werden. Nicht nur das Ergebnis ist wichtig bei solchen Praxisprojekten, sondern auch das Lernen dahinter. Solange Studierende Gestaltungsspielraum haben, haben sie Spaß. Die meiste Leidenschaft entwickeln sie in eigenen Projekten.“

Die Zeitschrift der Straße wurde ein solches Projekt. Studierende verschiedener Hochschulen und Studiengänge arbeiten gemeinsam daran. Der Verein für Innere Mission in Bremen übernahm die Herausgeberschaft und mit seinen Sozialarbeitern die Betreuung des geplanten Straßenverkaufs. Im Februar 2011 war es dann so weit: Die erste Ausgabe der Zeitschrift der Straße erschien und wurde wohnungslosen Menschen in Bremen und Bremerhaven zur Verfügung gestellt. „Ich war anfangs davon ausgegangen, dass das Interesse am Verkauf riesig ist und wir offene Türen einrennen“, erinnert sich Prof. Vogel. „Jedoch war das Gegenteil der Fall. Die Wohnungslosen waren sehr zurückhaltend und misstrauisch. Viele von ihnen sind außerdem so geschwächt oder labil, dass es ihnen gar nicht möglich ist, stundenlang zu arbeiten und das Magazin zu verkaufen.“ Das führte dazu, dass es zunächst nicht besonders gut für die Zeitschrift der Straße aussah. „Eigentlich waren wir direkt pleite“, sagt Prof. Vogel lachend. Zum Glück gab es verschiedene Fördertöpfe, aus denen zusätzliche finanzielle Mittel eingeworben werden konnten. Eine politische Entwicklung spielte dem Magazin zusätzlich in die Karten. „Um 2014 kamen viele osteuropäische Migrantinnen und Migranten nach Deutschland, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen hatten. Die Zeitschrift der Straße ist für sie eine legale Möglichkeit etwas Geld zu verdienen. Die Nachfrage war dementsprechend hoch“, berichtet Prof. Vogel. Das bewahrte das Magazin schließlich vor dem Aus: Seit Sommer 2015 steht es finanziell auf eigenen Beinen.

Jubiläumsausgabe der "Zeitschrift der Straße"
Quelle: privat

Längst gehört die Zeitschrift der Straße fest zum Bremer Stadtbild, während sie sich in Bremerhaven nicht etablieren konnte. Aus dem lange studentisch geprägten Projekt ist heute ein Sozialunternehmen mit professionellen Strukturen geworden, in dem Studierende mitarbeiten. 90 Ausgaben sind inzwischen erschienen, und über 2000 Straßenverkäuferinnen und –verkäufer haben sie im Laufe der Zeit verkauft. Prof. Vogel ist weiterhin als ehrenamtlicher Fundraiser und Anzeigenleiter dabei. Zurückblickend lässt sich sagen, dass das Straßenmagazin nicht nur für die Verkäuferinnen und Verkäufer neue Perspektiven eröffnet. Auch Prof. Vogel nimmt aus der Zusammenarbeit viel mit. „Ich habe viel über Wohnungslosigkeit gelernt. Vorher hatte ich eine völlig falsche Einschätzung, wie Wohnungslose ticken. Und ich habe auf der Straße viele gebildete Menschen kennengelernt, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind.“

So ist auch die „Uni der Straße“ entstanden, die seit 2015 Bildungsangebote für Menschen auf der Straße außerhalb von Campus und Hörsaal machte, bis sie 2020 der Corona-Pandemie zum Opfer fiel. „Uni ist nicht Hardware, sondern Brainware“, sagt Prof. Vogel. Es gehe um das Interesse der Menschen und um Inhalte, nicht darum, dass diese an einem festen Ort vermittelt werden müssten. Gleichzeitig hat ihn dieses Projekt auf die Idee für den Studiengang Gründung, Innovation, Führung (GIF) gebracht. „Das Erfolgsrezept der Zeitschrift der Straße lässt sich ganz einfach zusammenfassen: Zusammenarbeit über soziale und institutionelle Grenzen hinweg, unternehmerische Grundhaltung und ganz auf Entdecken und Lernen ausgerichtet. Genauso ist es auch bei GIF. Ich bin mir sicher, dass es den Studiengang ohne die Zeitschrift der Straße nicht geben würde.“ Sein langjähriges soziales Engagement wurde kürzlich belohnt. Prof. Vogel wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.