Nutri-Score – für alle Seiten ein Gewinn?

Dipl.-Ing. Kirsten Buchecker, Projektkoordinatorin und Lisa Nitze, Wissenschaftlich-technische Mitarbeiterin im Projekt ReformBIO
Dipl.-Ing. Kirsten Buchecker, Projektkoordinatorin und Lisa Nitze, Wissenschaftlich-technische Mitarbeiterin im Projekt ReformBIO
Quelle: Kai Martin Ulrich/ Hochschule Bremerhaven

Forschungsprojekt der Hochschule Bremerhaven beschäftigt sich mit Reformulierungsstrategie und Nutri-Score in der Biobranche

Noch gar nicht so lange in Deutschland eingeführt, aber bei nahezu jedem Einkauf präsent: Der Nutri-Score. Die sogenannte Lebensmittelampel ziert mittlerweile eine Vielzahl an Produkten in den deutschen Einkaufsläden. Das fünfstufige farbige Ampelsystem kann seit Herbst 2020 freiwillig auf Lebensmittelverpackungen in Deutschland gedruckt werden. Dies soll es den Verbraucherinnen und Verbrauchern ermöglichen, mit einem Blick Aufschluss über den Nährwert eines Lebensmittels zu erhalten. Die freiwillige Kennzeichnung von Lebensmitteln sorgt allerdings für Diskussionsbedarf. Dipl.-Ing. Kirsten Buchecker, Lehrbeauftragte an der Hochschule Bremerhaven und Gesamtkoordinatorin des Projekts "ReformBIO" beschäftigt sich sowohl im Forschungsprojekt als auch in der vom Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) gegründeten Nutri-Score AG mit dieser Thematik.

Ein wichtiger Grund für die Einführung des Nutri-Scores ist der hohe Anteil an übergewichtigen Personen in Deutschland. Rund 47 Prozent der Frauen, 62 Prozent der Männer und 15 Prozent der Kinder in Deutschland sind nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft betroffen. Doch das sind nicht die einzigen Folgen einer schlechten Ernährung. Auch Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Probleme werden durch den dauerhaften Konsum ungesunder Lebensmittel hervorgerufen. Unterstützend zu den Ampelfarben Grün bis Rot, sind die Lebensmittel mit Buchstaben von A bis E gekennzeichnet. Ob der Nutri-Score eine geeignete Lösung ist, um den Verbraucherinnen und Verbrauchern eine gesunde Ernährung näher zu bringen, wird häufig diskutiert. "Jedem ist klar, dass Nutella ein "E" bekommt. Bei anderen Produktgruppen ist es allerdings irreführend. Die aspartamhaltige Cola Zero bekommt ein "B", Saft hingegen aufgrund des hohen Fruchtzuckergehalts wird nie besser als mit einem "C" bewertet. Somit wird ein natürliches Produkt nie besser bewertet sein als ein verarbeitetes Produkt, dem künstlicher Süßstoff zugesetzt wurde", so Buchecker.

Den Verbraucherinnen und Verbrauchern werde so schnell suggeriert, dass sie sich gesund ernähren, nur, weil sie viele Produkte mit einer Plakette im grünen Bereich kaufen. Kirsten Buchecker hat im Februar zu diesem Thema an einer Podiumsdiskussion auf der Biofach mit mehreren Expertinnen und Experten teilgenommen. "Man muss sich die Frage stellen, ob Verbraucherinnen und Verbraucher die Kriterien, nach denen die Produkte aktuell eingestuft werden, nachvollziehen kann und wie sich das auf das Konsumverhalten auswirkt", so Buchecker. Insbesondere die Biobranche stellt sich die Frage, wie sie mit dem Thema Nutri-Score umgehen möchte. Die vom BNN gegründete Nutri-Score-AG bestehend aus Herstellung, Handel, Großhandel und Wissenschaft sucht nach Antworten. "Das Projekt lebt von der Verknüpfung mit dem Verband und den Unternehmen", so Buchecker. Die Hochschule Bremerhaven fungiert als Vertretung der Wissenschaft. Mit Hilfe von Experteninterviews, die im Rahmen des Projekts ReformBIO geführt werden, ließ sich bereits die Einstellung der Branchenexperten zu den Themen Reformulierung und Nutri-Score ermitteln. Die Nutri-Score AG beschäftigt sich zudem mit der Verbraucherseite und Fragen wie zum Beispiel, ob es richtig ist, den Nutri-Score auf 100g als Mengenangabe zu berechnen. Ende März möchte sich die AG erneut treffen, um die ersten Ergebnisse zu besprechen.

Zusätzlich zum Thema Nutri-Score beschäftigt sich die Hochschule Bremerhaven auch mit der "Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten". Dabei handelt es sich um eine weitere Reaktion der Bundesregierung auf die hohen Zahlen an adipösen Personen. Mit dieser Strategie verpflichtet sich die Lebensmittelwirtschaft, den Zucker-, Fett- und Salzgehalt in Fertigprodukten zu reduzieren. Erste Zielvereinbarungen wurden bereits getroffen. So sollen beispielsweise bis zum Jahr 2025 Erfrischungsgetränke mit mindestens 15 Prozent weniger Zucker produziert werden. Auch die Biobranche zieht mit. Aus diesem Grund wurde das Forschungsprojekt Reform BIO - Reformulierungsstrategien für Biolebensmittel ins Leben gerufen.

Seit April 2020 läuft das Gemeinschaftsprojekt der Hochschule Bremerhaven, der Georg-August-Universität Göttingen, dem Bundesverband Naturkost Naturwaren e.V. (BNN) und verschiedenen Unternehmen aus der Biobranche. Projektziel ist es, eine sogenannte Reformulierungsstrategie, angepasst auf die Biobranche, zu erarbeiten. Die Reformulierungsstrategie umfasst die Reduktion von Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren um 30 %. ReformBIO konzentriert sich dabei auf die Zuckerreduktion, beispielhaft an den Produktgruppen Müsli, Cookies, Fruchtjoghurt und Erfrischungsgetränken. Das bedeutet konkret, dass eine Strategie entwickelt werden soll, wie Zucker in der Produktion von Bioprodukten unter Berücksichtigung der EG-Bio Verordnung und der Verbandsvorschriften reduziert werden können, ohne dabei geschmackliche, texturelle und optische Einbußen in Kauf zu nehmen. "In unglaublich vielen Lebensmitteln ist Zucker drin, auch in denen wo man gar nicht damit rechnet", so Dipl.-Ing. Kirsten Buchecker. "Wir möchten zum einen erreichen, dass die Erwartungen an die Produkte der Verbraucherinnen und Verbraucher getroffen werden, zum anderen möchten wir die Verbraucherinnen und Verbraucher ausreichend über die Strategie und das Vorgehen dahinter informieren", erklärt Buchecker.

Weitere Informationen finden sich hier: www.hs-bremerhaven.de/forschung/forschungsprojekte/reformbio/.

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